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REFORMATIONSFEST


Das Geburtshaus von Huldrych Zwingli in Wildhaus
Foto: Stana Vetsch


Meine Kirche

Ich wünsche mir eine Kirche...

...in der jeder Mensch willkommen ist;
...in der alle wichtig und wertvoll sind;
...in der es zu wirklicher Begegnung kommt;
...in der Liebe wichtiger ist als Grundsätze;
...in der wir gemeinsame Träume entwickeln;
...in der wir einige Träume verwirklichen;
...in der es sehr lebendig zugeht;
...in der Menschen einen Glauben kennenlernen, der etwas mit ihrem Leben zu tun hat;
...in der ich weinen darf;
...in der ich lachen darf;
...in der ich bleiben darf, wie ich bin, und trotzdem Veränderung erfahre;
...in der ich nicht klein gemacht werde, sondern gross und frei.

Rainer Haak


PREDIGTEN


Gedanken zur Ökumene

Liebe Gemeinde!

Es ist Reformationssonntag. Da wollen wir uns auf den Ursprung der protestantischen Bewegung zurückbesinnen, und wir wollen diese Besinnung fruchtbar machen für die Kirche der Gegenwart. Dieses Jahr fragen wir uns ganz besonders: Was für eine Rolle spielt der Glaube in der Ökumene? Ist unser Glaube für das Zusammenspiel der verschiedenen Konfessionen eher ein Hindernis, oder kann er eine Hilfe sein? Wie verstehen wir unseren reformierten Glauben im Hinblick auf die Ökumene? Was für Impulse können wir aus der Reformationszeit für die neue Situation der Gegenwart schöpfen? Was sagen Zeitgenossen zur heutigen Lage der Kirche? - Also: Wie steht es mit uns Reformierten und der Ökumene? 

Im Christentum hat es von Anfang an ganz verschiedene Gruppen und Strömungen gegeben. Ich denke daran, wie der Apostel Paulus um die Einheit der Christen gekämpft hat. "Ist Christus zerteilt?" fragt er zu Beginn des 1. Korintherbriefes bange. Es geht dort darum, dass die einen Paulus, die anderen einem Apollos, weitere dem Petrus und wiederum andere direkt Christus angehören wollen. Darum mahnt und bittet Paulus die Streitparteien in Korinth eindringlich, "dass ihr alle einerlei Rede führet und nicht Spaltungen unter euch seien, dass ihr vielmehr zusammenhaltet in demselben Sinne und derselben Meinung." Der erste Grund für Spaltungen sind also verschiedene Wortführer, die Sympathisantenkreise um sich scharen. Der zweite Grund sind die verschiedenen Begabungen, von denen jeder annimmt, die seinige sei die wichtigste. Die einen sind Apostel, die anderen Propheten, weitere sind Lehrer, wiederum andere betätigen sich als Heiler, andere als Zungenredner oder Ausleger von Zungenreden. Darum entwirft Paulus in 1. Kor. 12 die Vorstellung vom einen Leib und den vielen Teilen. Alle gehören dazu, alle haben eine Funktion, aber es gehören auch alle zusammen und bilden ein Ganzes. Dieses Ganze ist der Leib Christi. Die heutige Situation ist keine andere. Da gibt es verschiedene Bedürfnisse, Geschmäcker, Sympathien, Steckenpferde, Begabungen. - Warum nicht? Das Glaubensleben soll bunt sein. Das ist aber lange noch nicht ein Grund für Verletzungen, Trennungen, Rechthabereien und Machtspiele. Darum müssen wir uns im rechten Verhältnis zum Gan-zen sehen und das Gemeinsame, das viel grösser als das Trennende ist, nicht aus dem Blick verlieren. So lesen wir in Eph.4,3-7: "Seid bemüht, die Einheit des Geistes durch das Band des Friedens zu bewahren. Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen worden seid zu einer Hoffnung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der über allen und bei allen und in allen ist. Jedem einzelnen unter uns ist die Gnade nach dem Mass der Gabe Christi verliehen worden." Deutlicher kann es ja nicht mehr gesagt werden. Ich bin von daher froh, dass wir wirklich nur noch eine Taufe in der Glaubenspraxis kennen - die Taufe wird von beiden Konfessionen anerkannt, es wird bei einem Konfessionswechsel nicht mehr "umgetauft". Der Glaube, den wir aus der Bibel kennen, darf also kein Hindernis der Ökumene sein - im Gegenteil: gerade wenn wir uns auf den Ursprung unseres Glaubens, die Heiligen Schriften und die Geschehnisse, die sie bezeugen, berufen, müssen wir zusammenfinden. Denn wir sind ein Leib. Dieser Leib ist Christus. Und diesen Leib verletzen, heisst Christus Leiden zufügen. Diesem Leib wohltun, heisst Christus wohltun. 

In diesem Zusammenhang ist es vielleicht interessant, was ein Psychologe wie Carl Gustav Jung zu den Konfessionen und den Zersplitterungen im Christentum meinte: C.G. Jung schrieb einmal, er unterhalte sich gerne mit Theologen, protestantischen wie katholischen. Die Unterhaltung erreiche allerdings dort ihr Ende, "wo man an die Mauer von Kirche und Konfession anstösst, denn dort beginnt die Rechthaberei... Deshalb lacht der Teufel angesichts der sich befehdenden 400 protestantischen Denominationen und des grossen reformatorischen Schismas. Wenn nicht einmal die christlichen Kirchen sich einigen können! Welch infernalische Blamage!" An anderer Stelle schrieb Jung, jede Versteifung auf konfessionalistische Standpunkte vergrössere den Riss und vermindere die moralische und geistige Autorität des Christentums, aber gewisse Leute seien "wie mit Blindheit" geschlagen... Es geht also auch um die Glaubwürdigkeit des Christentums. Jemand hat einmal gesagt, wir Christen seien noch die einzige "Bibel", die gelesen werde. Die Bibel also werde kaum noch gelesen, aber auf das Verhalten von uns Christen werde geschaut. Durch unser Da-sein und So-sein können wir auf das Christentum aufmerksam machen oder abschreckend wirken. Paulus betont immer wieder die Liebe. In seinem "Hohen Lied der Liebe" in 1. Kor. 13 stellt er die Liebe über alles, sogar über den Glauben: "Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; am grössten aber unter diesen ist die Liebe." Die Theologen haben diese Worte zum Hochzeitstext verharmlost - zur Ehe passen sie natürlich auch, aber nicht nur dazu! Jesus selbst hatte ja gesagt, wie in Joh.13,35 aufgeschrieben steht: "Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt." Und in den Johannesbriefen (1.Joh.4,16) lesen wir: "Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm." In der Liebe bleiben heisst demnach auch in der Wahrheit bleiben. 

Wir sehen: Der Glaube darf kein Hindernis für die Ökumene sein, da ja sonst gerade die "Glaub-würdigkeit" auf dem Spiel steht. Vielmehr ist in der Ökumene der Glaube auf dem Prüfstand. Ich möchte diesen Gedanken anhand des ehemaligen katholischen Theologieprofessors von Luzern und heutigen Bischof von Basel vertiefen. Es ist Kurt Koch, der das Buch "Lust am Christsein" herausgegeben hat. Seinem Kapitel über die Ökumene hat er folgende, vielsagende Überschrift gegeben: "Ökumene als Testfall des Glaubens". Aus diesem Kapitel erzähle ich nun einiges. Die Strophe eines Sinngedichtes, das Friedrich von Logau während des Dreissigjährigen Krieges verfasste, ist bis heute aktuell. Sie heisst: "Luthrisch, päpstlich und kalvinisch, diese Glauben alle drei, sind vorhanden; doch ist Zweifel, wo das Christentum denn sei." Die weiterbestehende Spaltung der christlichen Kirche stellt die Glaubwürdigkeit ihrer Sendung in der heutigen Lebenswelt in Frage. Da der Glaube nur die Einheit der Kirche kennt, nicht aber ihre Trennung, muss die Spaltung der einen Kirche Jesu Christi als jene tödliche Krankheit des gegenwärtigen Christentums diagnostiziert werden, deren Heilung drängt. Der durch das Zweite Vatikanische Konzil ermöglichte Frühling musste einer neuen Eiszeit weichen. Der Grund dafür liegt kaum mehr in der Strittigkeit von Wahrheitsfragen des Glaubens, sondern in der Angst um die Geschlossenheit der Kirche. Es braucht eine gemeinsame Identität und zur Überwindung der Ängste positive Kontrast-Emotionen. Darum kommt heute der unmittelbaren ökumenischen Bewegung vor Ort und an allen Orten grundlegende Bedeutung zu. Es ist nötig, dass man sich intensiver kennenlernt, besonders im betenden und gottesdienstlichen Stehen vor Gott. Ein Wort aus Afrika sagt übrigens: "Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Schritte tun - dann verwandelt sich das Antlitz der Erde." In diesem Sinne soll gehandelt werden, sodass sich die Kirche von unten her erneuern darf. Eine spezielle Rolle nehmen die konfessionsverschiedenen Ehen ein, denn nach katholischer Überzeugung ist die christliche Ehe als Sakrament die Grundform von Kirche und wird vom Zweiten Vatikanum als "Hauskirche" bezeichnet. Wo könnte man einander - und letztlich Gott - besser, verbindlicher dienen als am Ort des Zusammenlebens? Daher ist die Abendmahlsgemeinschaft in konfessionsverschiedenen Ehen wichtig. Diese sind ein elementarer Lernort der Ökumene und können zu Brücken der Verständigung und der Begegnung werden. Keine Kirche ist so arm, dass sie nicht in der Lage wäre, einen Beitrag zu leisten für eine grössere und geeinte Gestalt der christlichen Kirche. Umgekehrt ist auch keine Kirche so reich, dass sie nicht immer wieder der Bereicherung durch die Gaben der anderen Konfessionen bedürfte. Wer an der Kirchenspaltung festhalten will, der begeht, wie a.Bischof Anton Hänggi unlängst betonte, "eine Sünde gegen den Heiligen Geist". Kurt Koch erkennt für die Spaltung Schuld auf beiden Seiten und fordert ein gemeinsames ökumenisches Schuldbekenntnis. Angesichts der argen Mißstände in der damaligen Kirche sei das Reformanliegen Luthers Not-wendend gewesen. Da dieser aber die Erneuerung der Kirche und nicht eine neue Kirche angestrebt habe, sei die Reformation noch gar nicht gelungen und fertig. Die unverwelkte Aktualität und ökumenische Hilfe Luthers bestehe darin, dass das Gelingen der Reformation erst in der Überwindung der Spaltung und in einer erneuerten ökumenischen Kirche aller Christen erreicht sein werde. Soweit Kurt Koch, mit dem ich einiggehen kann. Angesichts der wunderbaren Vision einer neuen, vereinten ökumenischen Kirche erhebt sich die Frage, wie eine solche entstehen kann und mit welcher Kraft wir die Zeit bis dahin durchhalten. Eine erneuerte, ganzheitliche Kirche entsteht durch das Gebet und dadurch, dass wir sie von Herzen wollen. Und die Kraft durchzuhalten gibt mir die alte Vorstellung, dass es nicht nur die sichtbare Kirche gibt, die schmerzlich geteilt ist, sondern auch die unsichtbare Kirche, die alle Christusgläubigen vereint. Diesen Gedanken wollen wir jetzt in der Stille etwas bewegen: Christus eint alle Christusgläubigen durch ein unsichtbares Band, seine unsichtbare Kirche... Der Heilige Geist eint alle, die ehrlichen Herzens glauben... Gott ist der Vater aller, die ihn mit ganzer Kraft suchen und lieben, wo sie auch seien, wann sie auch lebten; er kennt sie, und sie und wir sind in ihm geborgen... 

Amen.



Grundsätze der Reformation

"Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast, und wovon du völlig überzeugt bist, da du weißt, von wem du gelernt hast, und weil du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die vermögend sind, dich weise zu machen zur Seligkeit durch den Glauben, der in Christo Jesu ist. Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nütze zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, auf daß der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werke völlig geschickt." 
(2. Timotheusbrief 3, 14-17) 

Liebe Gemeinde!

An einem Reformationssonntag gehe ich davon aus, daß die Gemeinde etwas darüber hören möchte, was die Reformation gebracht hat und wie es heute weitergehen kann. - Ich meine, sie hat auch ein Recht darauf. - Wenn ich so die Predigtthemen landauf und landab und in den kirchlichen Materialdiensten studiere, habe ich den Eindruck, daß man sich dessen fast schämt oder zumindest nicht mehr so recht weiß, was mit diesem Fest anzufangen ist. Das ist falsch. Auf die zündenden Ideen und die Errungenschaften dieser Glaubensrevolution dürfen wir stolz sein, und wir dürfen sie mit Freuden weitertragen, auch wenn wir uns dessen bewußt sind, daß sie in die moderne Zeit zu übersetzen sind und es nicht mehr darum gehen kann, sich einseitig abzugrenzen. Wir wollen nicht das Trennende betonen, um die weltweite Gemeinschaft der Christusgläubigen munter zu spalten. Wir wollen vielmehr das Ursprüngliche, den Grund des Christseins hervorheben, um zu verbinden und zu vereinen. Dabei ist ganz klar, daß es von Anfang an Verschiedenheiten gegeben hat, die man aber als Bereicherung und nicht als Bedrohung auffassen darf. Das Christentum ist wie ein sorgsam zusammengestellter Blumenstrauß, der mit seinen vielfältigen Farben und Düften frohmachen und stärken will. Ebenso unbestritten sollte sein, daß es auf dem Boden des Christentums (wie auch anderswo) schon früh sektiererische Abspaltungen gegeben hat, an denen Jesus sich nicht gefreut hätte. Da sind klare Worte und Haltungen vonnöten. Unter anderem aus diesem Grund legte Athanasius (der mehrfach verbannte und in die Wüste geschickte Metropolit von Alexandrien) im Jahre 367 das Neue Testament in seinem heutigen Umfang von 27 Schriften fest. Und dieser in seinem 39. Osterfestbrief geäußerte Vorschlag wurde durch die Kirchen anerkannt, und so war dem längeren Hin und Her um die Kanonisierung der neutestamentlichen Schriften ein Ende gesetzt. Übrigens kommt das Wort Kanon von Rohr, d.h. Gerade, Richtschnur. Das Neue Testament, so wie es festgelegt ist, soll also die Gerade, die Richtschnur, die Leitlinie, die Orientierung unseres Glaubens sein. Auch ist es keine Frage, daß das Evangelium in gewissen Zeiten der Kirche deutlicher zutage trat und in anderen Zeit stark verdunkelt war. Wo es durch Traditionen und Erlasse überschüttet wurde, konnte es nicht mehr frohmachen, sondern nur noch bedrücken. Darum lautete der Wahlspruch der Genfer Reformation: "Post tenebras lux" - "Nach der Dunkelheit das Licht" - Worte, die heute noch am Genfer Wappen angebracht sind und still zu uns reden. Sie wollen uns sagen: Laßt das helle Licht des einfachen, wahren Evangeliums Jesu Christi wieder in Eure Herzen eindringen! Nehmt den Schleier und die Wolken weg, die es verdunkeln! - Und kräftig riefen die Reformatoren die vier Grundsätze in die Lande hinaus, an die man sich zu halten habe: 

- sola scriptura - allein die Schrift; - sola gratia - nur durch die Gnade; - sola fide - allein durch den Glauben; - solus Christus - nur Christus. 

Das sind die vier Grundsätze der immerwährenden Reform der Kirche und ihrer Gemeinden: Die Schrift, die Gnade, der Glaube und Christus. Das Seelenheil kann nicht durch Ablasse erkauft werden; es kann und muss nicht erarbeitet werden; und es braucht dazu nicht die verschiedensten Vermittler und Instanzen - nur Dich und Deine Offenheit zu Gott hin, geborgen in der christlichen Gemeinde und in der Gemeinschaft der Kirche. 

1) Sola scriptura - allein die Schrift, möchte betonen, daß die Tradition und die im Laufe der Jahrhunderte entstandenen Lehrmeinungen nicht über den Heiligen Schriften der Bibel stehen dürfen. Im Gegenteil: diese haben sich aus der Schrift abzuleiten. Auf dem Reichtag zu Worms - als Martin Luther den berühmt gewordenen Satz ausrief: "Hier steh ich und kann nicht anders!" - argumentierte er ganz auf dem Boden der Heiligen Schrift und ließ nur Dinge gelten, welche aus ihr begründet werden konnten. Da er nur die Organisation und die Praktiken der herrschenden Kirche kritisierte, nicht aber den Christusglauben an sich, fühlte er sich im Recht und verwunderte sich über die Art und Weise, wie mit ihm umgesprungen wurde. Wir wollen aber nicht in der Vergangenheit verweilen, sondern aus ihr lernen. Es muss unser ernstes und erstes Anliegen sein, die Bibel hochzuhalten und ihre Botschaft durch nichts trüben und verfinstern zu lassen. An den Aussagen der Bibel haben wir uns zu orientieren. Wir dürfen das Jesuanische - die Sache Jesu, seine Person, das, was er wollte und getan hat - entdecken. Nichts Eingefleischtes, keine Gewohnheit und auch nicht das bürgerliche Leben sollen darüber oder dazwischen stehen. Manchmal stehe ich auch bei uns Pfarrern und der offiziellen Kirche unter dem Eindruck, daß einzelne Bibelteile in die liebgewordenen Formen des Alltags hineingenommen werden, statt umgekehrt das Leben des Alltags durch die frohmachende und verändernde Botschaft Christi befruchtet wird. - Wie nehmen wir Jesus auf, wenn er kommt? Lassen wir ihn in unser Leben hinein? Oder ist er da ein Störefried, eine erfolglose Randfigur, mit der wir uns nicht abgeben? Orientieren wir uns wirklich an Jesus, wie wir ihn aus dem Neuen Testament kennen? Oder haben wir ihn vereinnahmt, verbürgerlicht, ihn UNS zu eigen gemacht statt uns IHM? Dienen wir Jesus, oder ist er uns ganz dienlich und nützlich für das, was wir im Sinne haben und im Schilde führen?... Das sind Anfragen, welche die Reformation heute noch an uns stellt und immer an die jeweilige Kirche stellen wird. 

2) Sola gratia - nur durch die Gnade, will uns zusagen, daß wir gerettet sind. Einfach so. Weil Gott es will. Aus Gnade, geschenkt. Manchmal hört man bei Evangelisationen zuerst die Beschwörung des Bösen und des Schlechten und nachher als Zweites das Anpreisen des Christus. Wie an den Verkaufsständen auf Messen, wo geschickte Vertreter zuerst die Not schildern, die man im Haushalt hat, und dann das rettende Mittelchen oder Gerät anbieten. So einfach. Für die Verkündigung des Evangeliums aber nicht tauglich. Meine Lieben! Wir sind durch Gottes Gnade gerettet; das ist sein Geschenk an uns, sein Weihnachtsgeschenk, das in Bethlehem klein und doch so groß in der Krippe lag. Wir wollen uns ein Beispiel nehmen an der Bibel und besonders am Verkündigungsmuster des Apostels Paulus, der das immer sorgfältig so macht: Zuerst das Evangelium, die froh- und freimachende Botschaft unseres Herrn und Bruders, und dann die Folgen, die daraus zu ziehen sind. 

3) Sola fide - allein durch den Glauben, weist auf den Satz hin: "Dein Glaube hat dich gerettet." (Lk.7,50) Die Predigt wirkt den Glauben. Und der Glaube an Jesus rettet und bewahrt uns vor Abgründen und Unheil. Der Glaube - nicht Opfer, nicht das Beruhigen des schlechten Gewissens. Und ganz nahe beim Glauben sind Hoffnung und Liebe angesiedelt, eine Dreiheit, die der Apostel mehrfach nennt. Das ist Mangelware (wenn ich das so sagen darf) in der heutigen Zeit. Viele Menschen jeden Alters sehen keinen Sinn mehr im Leben, tragen keine Hoffnung mehr in sich, sind nicht mehr beseelt von Liebe. Es fehlt das lohnende Ziel, der lohnende Sinn des Lebens. Manche davon haben alles, sie sind äußerlich gesehen wunschlos, aber nicht wunschlos glücklich, sondern wunschlos unglücklich. Langeweile und Wunschlosigkeit sind auf die Dauer gesehen Feinde des Lebens. Man sollte eigentlich immer noch ein paar Wünsche offen haben. Darum ist es wichtig, früh die Erfahrung zu machen, daß einem nicht sofort alle Wünsche erfüllt werden. Das Leben will immer noch etwas bereithalten für später. Gott hält immer wieder Überraschungen für uns bereit. Für unmöglich Gehaltenes wird mit einemmal möglich. Verloren Geglaubtes kommt zurück. Türen, die man gerne offen gesehen hätte, verschließen sich, dafür öffnen sich plötzlich wieder an einem Ort Türen, wo man es nie erwartet hätte. Glauben heisst immer auch offen, erwartungsvoll sein, und zwar gegen Gott hin. Man muss Verständnis haben dafür, wenn solcher Glaube bisweilen abhanden kommt und Durststrecken durchwandert werden müssen. Darum ist es so wichtig, Menschen nicht allein zu lassen und die Geschichten von Jesus bekannt zu machen, aufzuzeigen, wie es da oft sehr hoffnungslos ausgesehen hat und wie Gott ganz überraschend Schicksale zum Guten hin wenden kann. Wir wollen die Augen vor all dem Schlimmen in der Welt nicht verschließen, aber wir wollen beim Trübsalblasen nicht noch mitmachen, sondern aus der Kraft Gottes heraus etwas tun, etwas an die Hand nehmen, uns Zeit nehmen für einen Menschen oder für uns selbst, um unser Leben in Ordnung zu bringen. - Ein altes Wort sagt: "Statt über die Finsternis zu klagen, nützt es mehr, ein Licht anzuzünden."

4) Solus Christus - nur Christus, erinnert an das Wort der Schrift: "Es ist in keinem andern das Heil; denn es ist auch kein andrer Name unter dem Himmel für die Menschen gegeben, durch den wir gerettet werden sollen." (Apg.4,12) Wir brauchen Vorbilder, aber man soll sie nicht mit dem Original verwechseln. Es gibt zum Glück Vorbilder, aber sie decken nie das Ganze ab. Wie unverkrampft hat es doch eine unbekannte ältere Äbtissin in einem Gebet formuliert: "Ich habe nicht den Ehrgeiz, eine Heilige zu werden (mit manchen von ihnen ist so schwer auszukommen!) ..." - und dann bittet sie Gott demütig doch um ein paar gute Tugenden. Die direkte Jesus-Nachfolge ist immer noch das Beste. Und genau das wollten die Reformatoren eigentlich: daß wir sein Bild verinnerlichen und IHM, nur IHM nachfolgen. Amen.


last update: 05.11.2016